{"id":1148,"date":"2018-11-02T15:56:42","date_gmt":"2018-11-02T14:56:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.satutaskinen.com\/de\/?p=1148"},"modified":"2018-11-01T16:07:03","modified_gmt":"2018-11-01T15:07:03","slug":"ueber-das-aussenseitersein-und-allerheiligen-der-perfekte-schweinsbraten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.satutaskinen.com\/de\/1148\/ueber-das-aussenseitersein-und-allerheiligen-der-perfekte-schweinsbraten\/","title":{"rendered":"\u00dcber das Au\u00dfenseitersein und Allerheiligen: Der perfekte Schweinsbraten"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 5\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&#8222;Ich legte das St\u00fcck Schwein auf den Tisch. Von drau\u00dfen drang schon zum zweiten Mal schrilles Kreischen herein. Ich ging zum Fenster und dr\u00fcckte die Nase ganz dicht an die Scheibe, aber da nichts Bedrohliches\u00a0zu sehen war, lediglich die Hecke, die unseren Vorgarten von der Stra\u00dfe trennte, begann ich von vorn. <em>Lieber Herr Fidler, wie Sie im Forum \u00bbSchweinsbraten\u00ab sehen k\u00f6nnen, halte ich eine Definition des perfekten Schweinsbratens f\u00fcr dringend erforderlich.<\/em> Und dann, nach einer weitschweifigen Erkl\u00e4rung: <em>f\u00fcrs erste schlage ich die folgende vor<\/em>. Ich hatte das Rezept viele Male durchgelesen. Gestern war ich damit im Supermarkt unterwegs gewesen und hatte alles gefunden au\u00dfer Knollensellerie. Zum Rezept geh\u00f6rte ein Foto, das ich als Vorlage an der T\u00fcr des Gew\u00fcrzschranks befestigte. <em>Der perfekte Schweinsbraten.<\/em> Abbildungen dieser Art kannte man aus fr\u00fcheren Kinderb\u00fcchern, aus der Reklame und aus Speisekarten der Restaurants: auf einem Teller angerichtet ein bis zwei Semmelkn\u00f6del oder Kartoffelkn\u00f6del oder beides, eine Scheibe Braten, ein L\u00f6ffel So\u00dfe, ein Klecks Sauerkraut. Das Rezept, das ich gew\u00e4hlt hatte, begann nett als Brief und war die Antwort auf die Frage, die ein Herr Fidler geschickt hatte: <em>Sehr geehrter Herr Fidler<\/em>. Sofern man anderthalb Kilo als zu viel empfand, sollte man laut Anweisung die ganze Sache am besten vergessen, sodass vor mir also ein Zwei-Kilo-Klumpen prangte mit reichlich Speck. <em>In die Schwarte schneidet man Quadrate von 2 x 2cm Gr\u00f6\u00dfe. Anschlie\u00dfend w\u00fcrfelt man 2 mittelgro\u00dfe Zwiebeln, 1 mittelgro\u00dfe Karotte und 100 g Knollensellerie<\/em>. Ich nahm zwei leere Blatt Papier, auf das linke schrieb ich die Arbeiten, die zu erledigen waren, auf das rechte die eventuelle Einkaufsliste. Links z\u00e4hlte ich zusammen: Kochger\u00e4te bereitlegen und Zutaten schneiden, Silber polieren, Tisch decken und Servietten falten, machte rund eine Stunde. Es war halb acht und noch viel zu erledigen. Im Rezept waren zudem gleichsam \u00fcber Nacht neue Zutaten aufgetaucht. Wie etwa <em>Maggikraut<\/em>. Was um Himmels Willen war Maggikraut? <em>Man schiebt den Braten mit der Speckschwarte nach un<\/em><span style=\"font-size: 1rem;\"><em>ten in den Ofen und \u00fcbergie\u00dft ihn mit einem halben Liter H\u00fchnerbr\u00fche. Inzwischen bereitet man die So\u00dfe zu.<\/em> Laut Anweisung ben\u00f6tigte man f\u00fcr die So\u00dfe zerhackte Knochen. Zucker. Tomatenp\u00fcree. <em>Entfernen Sie. Lassen Sie karamellisieren. Holzl\u00f6ffel, Schaber. Nehmen Sie aus dem Ofen. Salzen Sie, pfeffern Sie, reiben Sie ein. Schieben Sie den Braten wieder in den Ofen.<\/em> H\u00e4ufig \u00fcbergie\u00dfen und den Br\u00e4unungsgrad der Schwarte beobachten. Den Ofen herunterschalten und den Braten garen lassen. Klappe einen Spalt ge\u00f6ffnet. <em>Geben Sie inzwischen eine gesch\u00e4lte Knoblauchzehe in die So\u00dfe. Eine Prise Majoran und ein kleines St\u00fcckchen Zitronenschale. Lassen Sie die So\u00dfe durch Kochen eindicken und entfernen Sie vor dem Servieren Knoblauch und Zitronenschale<\/em>. Ich blickte zum Fenster. In der Scheibe spiegelten sich meine Umrisse, sonst war nichts zu sehen, drau\u00dfen herrschte dichter Nebel, wie so oft in Wien um diese Jahreszeit. Ich hatte keine Lust, einkaufen zu gehen. Vielleicht lie\u00df sich ja der Sellerie beispielsweise durch Karotten ersetzen. Ich hatte insgesamt ein gutes Gef\u00fchl, und auch der Kaffee gluckerte zum Zeichen, dass er fertig war. \u00dcber den Gang zum Supermarkt w\u00fcrde ich sp\u00e4ter entscheiden, auf jeden Fall musste zun\u00e4chst das Fleisch gewaschen und abgetrocknet werden. Nach getaner Arbeit setzte ich mich auf die Bank.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 6\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Es war l\u00e4cherlich, dass f\u00fcr ein und dasselbe Gericht v\u00f6llig entgegengesetzte Anleitungen existierten. Wenn es in der einen hie\u00df, man solle den Braten h\u00e4ufig \u00fcbergie\u00dfen, damit er nur ja nicht austrocknete, wurde in der anderen das \u00dcbergie\u00dfen ausdr\u00fccklich untersagt mit der Begr\u00fcndung, dass gerade dadurch die Kruste z\u00e4h und gummiartig w\u00fcrde. Im Obergeschoss h\u00f6rte ich die Schritte des \u00d6sterreichers, vom Schlafzimmer zur Toilette und anschlie\u00dfend ins Bad, wo sie verharrten, kurz darauf rauschte das Wasser. Ich bl\u00e4tterte lustlos durch den Stapel mit den Rezeptausdrucken. In den meisten hie\u00df es, man solle \u00bbSchulter\u00ab kaufen, also war es wohl glaubhaft, und ich hatte mich daran gehalten. Auch hatte der \u00d6sterreicher gestern richtig viel Gewese darum gemacht, und so hatte ich schlie\u00dflich nachgegeben, obwohl ich der Schwiegermutter zum Feiertag Filet h\u00e4tte anbieten m\u00f6gen. Ich begann mich zu \u00e4rgern. Gerade das Rezept, das mir urspr\u00fcnglich am besten gefallen hatte, hatte sich als das schlimmste von allen erwiesen. <em>Der ultimative Schweinsbraten. 1,5 bis 2 kg Schweineschulter mit Schwarte.<\/em> Ich strich das Blatt, das ich zerkn\u00fcllt hatte, auf der Tisch<span style=\"font-size: 1rem;\">oberfl\u00e4che glatt und band mein Haar zu festen Schw\u00e4nzen, damit es mir nicht dauernd in die Augen fiel. Dann zog ich die Sch\u00fcrzenb\u00e4nder fester. Was in aller Welt war Maggikraut? Ich konnte mich nicht erinnern, je diesem Wort begegnet zu sein. Maggiso\u00dfe hingegen kannte ich mehr als gut. Und falls es nicht einmal die zu kaufen g\u00e4be? K\u00f6nnte man sie durch etwas anderes ersetzen? Durch Sojaso\u00dfe? Die sch\u00fcttete sich der \u00d6sterreicher fast auf jedes Essen. Sojaso\u00dfe passte eigentlich zu allem.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 7\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Frau Bergers T\u00fcrklingel schrillte viele Male unter meinen Fingern, ehe ich drinnen Schritte und das Klimpern von Schl\u00fcsseln h\u00f6rte, worauf sich die Schl\u00f6sser eines nach dem anderen bewegten. Die T\u00fcr \u00f6ffnete sich, und als erstes kam mir eine Wolke Zigarettenrauch entgegen, ich wich einen Schritt zur\u00fcck. Als das Schlimmste vorbei war, reichte ich Frau Berger eine T\u00fcte mit ihren Lieblingsk\u00e4secrackern.<\/p>\n<p>\u00bbKaffee?\u00ab<\/p>\n<p>Ich nickte und wurde eingelassen. Ich folgte Frau Berger durch den L-f\u00f6rmigen d\u00e4mmerigen, fast finsteren Flur in die K\u00fcche, die aus irgendeinem sonderbaren Grund ganz und gar rotgelb gestrichen war. Die Oberfl\u00e4che des Sp\u00fcltisches bl\u00e4tterte von Woche zu Woche heftiger ab.<\/p>\n<p>\u00bbHier wird flei\u00dfig gewirtschaftet\u00ab, sagte ich.<\/p>\n<p>Auf der Sp\u00fcle t\u00fcrmte sich ein Kartoffelberg. Frau Berger, unsere Nachbarin, war eine kleine Frau, und w\u00e4hrend der Jahre, da ich sie kannte, war sie immer mehr zusammengeschrumpft. Ihre Nase und ihre Ohren hingegen wuchsen, und so lie\u00df sich heute absolut nicht mehr sagen, ob sie in jungen Jahren sch\u00f6n gewesen war. Frau Berger antwortete mir nicht. Sie goss kalten Filterkaffee in einen kleinen Kessel, und mit dem dritten Streichholz gelang es ihr, den Herd anzuz\u00fcnden. Ihre Bewegungen waren heute besonders fahrig, und ich sagte ihr, dass ich nicht sehr lange mit ihr Kaffee trinken k\u00f6nnte. Mutter und Schwester des \u00d6sterreichers w\u00fcrden um ein Uhr zum Essen kommen. <em>Maggikraut. 2 kg Schweineschulter mit Schwarte.<\/em><\/p>\n<p>\u00bbSo, so. Sie brauchen sich nicht dauernd zu entschuldigen. Ich werde es verkraften. M\u00f6chten Sie Kekse?\u00ab<\/p>\n<p>Ich griff nach der Packung, die auf dem Tisch lag, und sch\u00fcttete dunkelbraune Kekse auf einen Teller. Es folgte eine Weile Schweigen, und\u00a0<span style=\"font-size: 1rem;\">der Duft des warm werdenden Kaffees breitete sich in der K\u00fcche aus. Ich reckte mich, um aus dem oberen Teil des Holzschranks zwei Porzellantassen mit Untertellern zu nehmen. Die T\u00fcren waren aufgequollen, und man musste ziemlich kr\u00e4ftig ziehen, wenn man sie \u00f6ffnen wollte. Der Schrank wackelte, das tat er immer, und noch bevor Frau Berger mich bat, vorsichtig zu sein, wusste ich, dass sie mich bitten w\u00fcrde, vorsichtig zu sein.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 8\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>\u00bbSeien Sie vorsichtig, der Schrank wackelt\u00ab, sagte sie.<\/p>\n<p><em>Zerhackte Knochen. Maggikraut.<\/em> Ich erw\u00e4hnte mein Rezept. Wir trugen alles, was wir brauchten, auf einem Tablett ins Wohnzimmer, und ich wartete auf irgendeine Fortsetzung, aber die kam nicht. Wir sa\u00dfen gemeinsam an Frau Bergers Tisch, so wie schon unz\u00e4hlige Male zuvor. Mir gefielen ihre Porzellantassen au\u00dferordentlich, sie waren gelb, und eine von ihnen hatte einen Sprung. Frau Berger jedoch ordnete nur stumm ihre Spielkarten und ihre Kreuzwortr\u00e4tselhefte, obwohl es bereits nach acht Uhr war. Das Zimmer, in dem wir sa\u00dfen, war voll mit irgendwelchen Dingen. Bilder, Vorh\u00e4nge, Pillenschachteln auf einem Nebentisch, Videoger\u00e4te, und dazu Gr\u00fcnpflanzen, die vielleicht nicht viel j\u00fcnger waren als ihre Besitzerin. Alles hatte seinen Platz, alles war aufger\u00e4umt und geputzt, nur die Farbe an den W\u00e4nden und der Decke war vom Zigarettenrauch nachgedunkelt, wie in einem uralten Wiener Kaffeehaus. Es blieb mir ein ewiges R\u00e4tsel, ob das ein Zeichen f\u00fcr Echtheit oder einfach nur ekelig war. Mitten in all dem Kram sa\u00df Frau Berger wie auf einem Gem\u00e4lde, und genau wie auf einem Gem\u00e4lde schwieg sie. Warum war sie heute so still? Sonst redete sie doch ununterbrochen. Ich wartete eine Minute und noch eine zweite, aber als die Hausherrin ihrem Besuch immer noch keinerlei Aufmerksamkeit schenkte, beschloss ich, selber direkt zur Sache zu kommen.<\/p>\n<p>\u00bbSchweinsbraten? Warum in aller Welt will jemand, der nicht hier geboren ist, unbedingt zum Feiertag Schweinsbraten machen?\u00ab, gab Frau Berger zur Antwort. \u00bbWarum qu\u00e4len Sie sich? Lassen Sie es doch sein.\u00ab<\/p>\n<p>Sie war aus ihrer Trance erwacht und sah mich mit erstaunt aufgerissenen Augen an. Sie hatte geglaubt, dass ich lieber ein finnisches Gericht zubereiten w\u00fcrde, und was wird in Finnland \u00fcberhaupt gegessen? Ich lachte. Frau Berger scherzte bestimmt, auf Kosten von Ausl\u00e4ndern ging das nat\u00fcrlich immer leicht. Sollte ich der Verwandtschaft, die nicht mal\u00a0<span style=\"font-size: 1rem;\">schwimmen konnte, etwa Heringsauflauf anbieten, fragte ich, und ob sie \u00fcberhaupt ahnte, was Heringsauflauf war? Nat\u00fcrlich nicht. Als Einheimische musste sie doch wissen, dass am Feiertag f\u00fcr die Familienmitglieder des \u00d6sterreichers nur ein einziges Gericht in Frage kam, dessen Name nicht extra erw\u00e4hnt werden musste.&#8220;<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Der perfekte Schweinsbraten, \u00a0Transit-Verlag 2013<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich legte das St\u00fcck Schwein auf den Tisch. Von drau\u00dfen drang schon zum zweiten Mal schrilles Kreischen herein. 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Lieber Herr Fidler, wie &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.satutaskinen.com\/de\/1148\/ueber-das-aussenseitersein-und-allerheiligen-der-perfekte-schweinsbraten\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e\u00dcber das Au\u00dfenseitersein und Allerheiligen: Der perfekte Schweinsbraten\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,3,10],"tags":[98,97,99],"class_list":["post-1148","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-deutsch","category-termine-und-neuigkeiten","tag-allerheiligen","tag-aussenseitersein","tag-de-perfekte-schweinsbraten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.satutaskinen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1148","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.satutaskinen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.satutaskinen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.satutaskinen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.satutaskinen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1148"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.satutaskinen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1148\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1150,"href":"https:\/\/www.satutaskinen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1148\/revisions\/1150"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.satutaskinen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1148"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.satutaskinen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1148"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.satutaskinen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1148"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}